| Veranstaltung: | Landesdelegiertenkonferenz 2021 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | LAG Bildung, Max Deisenhofer (MdL), Thomas Gehring (MdL), Christoph Leikam (Landesausschuss), Anna Schwamberger (MdL), Gabriele Triebel (MdL) (dort beschlossen am: 29.09.2021) |
| Status: | Eingereicht (ungeprüft) |
| Angelegt: | 07.10.2021, 10:46 |
A5: Schule demokratisch gestalten
Antragstext
Für die Zukunft brauchen wir starke Schulen, die unsere Kinder und Jugendlichen
darin unterstützen, selbstständige, selbstbewusste und mündige Menschen zu
werden. Dafür müssen sich auch unsere Schulen zu freien, offenen und sich stetig
weiterentwickelnden Lernorten umgestalten.
Unseren Bildungseinrichtungen kommt bei der Vermittlung der freiheitlich-
demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft eine besondere Rolle zu. Sie
haben das Potential, große Teile der Gesellschaft zu erreichen.
Wer die Demokratie festigen möchte, kommt nicht umhin, auch die Schulen
demokratisch zu gestalten. Dies wird umso deutlicher angesichts des Erstarkens
rechtsradikaler, menschen- und demokratiefeindlicher Strömungen.
Von der Kita bis zum Schulabschluss kann und soll die Bildungs- und
Erziehungsarbeit Radikalisierung, Rechtsextremismus und Autoritarismus
vorbeugen. Demokratische Bildung ist mehr als ein Schulfach! Demokratische
Bildung muss fest im gesamten System verankert sein: demokratische Gestaltung
können junge Menschen nicht auswendig lernen, sondern sie kommt aus dem Erleben
und Ausprobieren.
Gelingende demokratische Bildung stärkt die Schutzfaktoren gegen die falsche
Sicherheit radikaler, geschlossener Weltbilder. Die Basis für gelingende
demokratische Bildung bilden Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft, Erfahrung
der Selbstwirksamkeit, Empathie, Fähigkeit zur Perspektivübernahme und
Selbstkontrolle. Für aktive Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen
Prozessen sind wertschätzendes, angstfreies Miteinander und eine friedliche
Grundhaltung die Voraussetzungen. Wir wollen, dass junge Menschen Lust haben,
unsere vielfältige, offene Gesellschaft auf der Basis unseres Grundgesetzes zu
gestalten. Dafür brauchen sie politische Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit, mit
Quellen (Bild und Sprache) kritisch umzugehen, online genauso wie analog.
Damit diese Voraussetzungen für demokratische Bildung gelebt werden, braucht es
in Schulen, Kitas, Berufsschulen tiefgreifende Änderungen: eine Teilhabe aller
Beteiligten der Schulgemeinschaft an der Gestaltung des Schullebens.
Für die Entwicklung hin zu starken Schulen in der demokratischen Gesellschaft
sehen wir drei Säulen:
- die Befähigung des Individuums zu demokratischem Handeln
- die demokratische Organisation der Schulgemeinschaft und
- die Selbstverantwortung der Schulen gegenüber dem Freistaat.
1. Die Befähigung aller Mitglieder der
Schulgemeinschaft zu demokratischem Handeln und
zur aktiven Teilhabe in der Gesellschaft
Für die Ausbildung demokratischer Mündigkeit braucht es einen sozialen Raum, der
auf wertschätzendem Miteinander basiert und in dem sich alle angstfrei bewegen.
1.1. Gelebte Demokratie für Schüler*innen
Die aktive Teilnahme einer*s Schüler*in an der Schulgemeinschaft setzt
Zugehörigkeitsgefühl, Wertschätzung und Angstfreiheit voraus. Schüler*innen
müssen Selbstwirksamkeit und die Einbindung in die Gemeinschaft erleben.
Die aktive demokratische Partizipation der Schüler*innen entsteht durch eine
gute Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler*in. Die Haltung der Lehrkräfte
beruht auf einem demokratischen Wertekonsens und Erziehungsstil. Ziel ist neben
dem Erwerb der Sachkompetenz die Unterstützung der Persönlichkeitsentfaltung und
Stärkung der Sozialkompetenz. Demokratische Mitbestimmung beginnt dabei, dass
Schüler*innen Lerninhalte, Lerntempo, Lernsettings und Lernorte mitgestalten
können. Dies erfordert neue Formen der Partizipation für Schüler*innen.
Ebenso ist ein Aufbrechen der zeitlichen und räumlichen Grenzen des heutigen
Schulalltags notwendig. Dabei bieten sich den Schulen vielfältige Möglichkeiten.
(Siehe Punkt 2).
1.2. Lehrkräfte stärken
Eine zentrale Rolle bei der Schaffung eines demokratischen Lehr- und
Lebensraumes Schule kommt der Lehrkraft zu. Daher muss zukünftig auf das
Erlernen demokratischer Führungs- und Gestaltungskompetenzen in allen Phasen der
Lehrkräfteausbildung, d.h. Studium, Referendariat und Fortbildung, der Fokus
gelegt werden. Im Studium bedeutet dies eine deutliche Erhöhung der
Praxiserfahrung und Etablierung einer kritischen Selbstreflexion. Politische
Bildung und Demokratiepädagogik müssen fester Teil jedes Lehramtsstudiums sowie
des Referendariats werden.
Außerdem muss das Lehrer*innenzimmer noch mehr die gesellschaftliche Vielfalt
abbilden. Wir setzen uns ein für ein Förderprogramm für Diversität von
Lehrkräften, welches bereits in der Studienberatung unter Berücksichtigung von
Vielfaltsaspekten für den Lehrer*innenberuf wirbt.
Neben klassischen Fortbildungen im Bereich Politische Bildung und
Demokratiepädagogik ist zukünftig ein Schwerpunkt auf Stützmechanismen für die
Lehrkräfte zu legen. Professionelle Begleitung der Lehrkräfte und der
Referendar*innen durch Supervision muss zur Norm werden und durch weitere
Unterstützungsmaßnahmen, wie insbesondere kollegiale Beratung, aber auch
gemeinsame Erarbeitung von Unterrichtsmaterialien und gemeinsames
Wissensmanagement, ergänzt werden. Hierfür sind gezielt und ausreichend
personelle, finanzielle und zeitliche Ressourcen zu schaffen, da nur so
nachhaltig professionelle und demokratische Strukturen im Lehrberuf etabliert
werden können.
1.3. Schulleitungen fördern
Eine Schule demokratisch und partizipatorisch weiterzuentwickeln, bedarf einer
in diesen Bereichen hochkompetenten Schulleitung, da deren Führungsqualität das
gesamte Schulklima und die Schulentwicklung bestimmt.
An bayerischen Schulen muss ein demokratischer Führungsstil die Norm werden.
Schulleitungen benötigen zur Bewältigung dieser Aufgaben profunde Kenntnisse
über die Steuerung partizipativer Prozesse und die Gestaltung demokratischer
Abläufe.
Dafür ist es notwendig, schon frühzeitig potenzielle zukünftige
Schulleiter*innen durch ein Personalentwicklungsprogramm gezielt in den nötigen
Talenten zu fördern. Ein spezifisches und planvolles Fortbildungsprogramm zur
demokratischen Führung in der Schulleitung sowie auch hier Mechanismen der
Supervision und der kollegialen Beratung müssen feste Bestandteile der
Schulleitungstätigkeit sein.
Außerdem sollen Mitwirkungsstrukturen, wie eine erweiterte Schulleitung oder
punktuelle Mitarbeit, zukünftige Schulleiter*innen auf die Aufgaben und
Anforderungen in der Schulleitung vorbereiten.
Zur gezielten Hinführung von Frauen an Führungspositionen in Schulen brauchen
wir dringend ein Frauenförderprogramm.
1.4. Demokratische Kooperation mit den Eltern
Zur demokratischen, wertschätzenden Kultur der Schulgemeinschaft gehört auch,
eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Lehrkräften und Eltern zu etablieren.
Ebenso sollen die berufliche, kulturelle und sprachliche Vielfalt und Kompetenz
der Eltern in den Schulalltag einbezogen werden. Die Eltern sollen in Zukunft
mehr an den schulischen Gremien beteiligt sein. Längst überfällig ist die
Einführung einer demokratisch gewählten, verfassten Elternvertretung auf
Landesebene.
2. Demokratische Strukturen in Schulen neu
organisieren
Schüler*innen müssen echte Selbstwirksamkeit erfahren. Bereits vereinzelt
erprobte Formen und Gremien der Schüler*innenpartizipation sollen flächendeckend
an allen bayerischen Schulen selbstverständlich werden.
Dies bedeutet eine deutliche Stärkung der SMV und Schaffung eines zeitlichen
Rahmens zur Etablierung von Klassenräten und Schüler*innenparlamenten an allen
Schulen. Diese Schüler*innengremien erhalten echte Entscheidungskompetenz im
Schulalltag und einen eigenen Posten im Schulhaushalt. Somit können
Schüler*innen wirklich ihre Schule mitgestalten.
Auch die Partizipationsmöglichkeiten und der Gestaltungsspielraum der Lehrkräfte
muss gesteigert werden. Die Lehrer*innenkonferenz erhält
Entscheidungskompetenzen bei elementaren Richtungsentscheidungen der
Schulentwicklung, die die Lehrkräfte betreffen, sowie bei grundlegenden
Budgetentscheidungen.
Zusätzlich erhält auch der Elternbeirat mehr Mitsprachemöglichkeit und eine
wichtige Funktion in der Vernetzung der Schule mit den Vereinen und
Organisationen im Umfeld der Schule.
Das Schulforum, in dem Vertreter*innen aller Beteiligter vertreten sind, wird zu
einem echten Schulparlament mit weitreichenderen Entscheidungsbefugnissen
weiterentwickelt. In diesem Gremium werden die Zielsetzungen der Schule
schulöffentlich diskutiert, festgesetzt und evaluiert.
Die demokratisch geprägte Schule versteht sich als aktive Gestalterin ihrer
Stadt bzw. Gemeinde und öffnet sich gezielt zum Austausch und zur Kooperation
vor Ort.
Auch der Unterricht braucht mehr zeitliche Flexibilität und
Gestaltungsspielräume. Schüler*innen erhalten mehr Autonomie und Zeit für die
Entwicklung eigener Projekte, wie z.B. beim Modell des „Freiday“ (Initiative
„Schule im Aufbruch“), bei dem ein Tag pro Woche für Zukunftsthemen zur
Verfügung steht. Die Schüler*innen entscheiden selbst, was sie an diesen Tagen
machen.
Für die zeitliche Autonomie ist die Ganztagsschule als Regel anzustreben.
Für die Förderung der Teilhabe der Schüler*innen und die Einbindung aller in die
Schulgemeinschaft müssen multiprofessionelle Teams an den Schulen etabliert
werden.
3. Selbstverantwortung und
Gestaltungsmöglichkeiten für die Schulen
Eine demokratische Schulkultur erfordert mehr Selbstverantwortung für die
einzelne Schule. Eine moderne Schule ist eine lernende Organisation, die an
einem stetigen Verbesserungsprozess arbeitet.
Wir wollen die Entwicklung zu einer selbstverantworteten Schule mit eigenem
Budget auf der Basis eines gemeinsam entwickelten Rahmens. Dieser
Transformationsprozess bedeutet eine mehrjährige Schulentwicklung, die von
externen Expert*innen begleitet werden muss. Ebenso ist die Vernetzung aller
lokalen Bildungsinstitutionen zu regionalen Bildungslandschaften notwendig.
Zur größeren Verantwortung gehört die Einführung eines Qualitätsmanagements und
einer regelmäßigen, verlässlichen Evaluation auf Schulebene. Diese basiert auf
einer bestärkenden Feedback-Kultur mit dem Ziel, schneller und zielgerichtet
handeln zu können.
Als Sofortmaßnahme fordern wir die Umsetzung des existierenden „Gesamtkonzepts
für die Politische Bildung an bayerischen Schulen“.
Begründung
Der Antrag ist das Ergebnis eines zweijährigen Prozesses in der LAG Bildung. Auslöser der Diskussion waren die erstarkenden radikalen, demokratiefeindlichen Bewegungen, die mit Desinformation und Vertrauensverlust in die demokratischen Strukturen einhergehen.
Schule hat die Aufgabe, Menschen in einem demokratischen Kontext zu bilden. Der Mensch, seine Bedürfnisse, seine Potentiale und seine Zugehörigkeit zu unserer offenen, vielfältigen Gesellschaft müssen das Zentrum der Bildungspolitik sein.
Gute Schule und demokratische Haltung entsteht nicht durch reine Verwaltungsakte, sondern durch den Beitrag aller Mitglieder einer Schulgemeinschaft, durch ihre Haltung, ihren Respekt und ihren wertschätzenden Umgang miteinander. Dafür braucht es die richtigen Strukturen.
Daher lag der Fokus des Antrags darin, jede*n Einzelnen im Bildungssystem zu stärken, damit alle zu einer gelingenden, demokratisch geprägten Schule beitragen können. Denn nur so kann die Schulgemeinschaft ihre integrierenden und stärkenden Potentiale nutzen.
Die Eigenschaften, die für demokratische Bildung, aktive Partizipation und Resilienz gegen radikale Anschauungen notwendig sind, sind die gleichen, die man für ein gutes Leben in der Gesellschaft braucht – demokratische Bildung und Schulstruktur erfordert und verfolgt grundlegende pädagogische Ziele.
Unterstützer*innen
- Tanja Josche (KV Roth)
- Reinhard Gloggengiesser (KV München)
- Julia Post (KV München)
- Fabian Norden (KV München)
- Tina Winklmann (KV Schwandorf)
- Friedrich Adrian (KV München)
- Christian Hartranft (KV München)
- Stefan Schmidt (KV Regensburg-Stadt)
- Andrea Hecking (KV Forchheim)
- Barbara Poneleit (KV Forchheim)
- Martin Züchner (KV München)
- Alexander Heimann (KV Würzburg-Stadt)
- Wolfgang Hofmann (KV Bad Kissingen)
- Benjamin Sertl (KV Tirschenreuth)
- Angela Büttner (KV München)
- Merlin Nagel (KV Ingolstadt)
- Laura Weber (KV Weiden)
- Marie-Christine Scholz (KV Regensburg-Stadt)
- Verena Matzner (KV München)
- Martin Weberbeck (KV Erlangen-Land)
- Inge Pütz-Nobis (KV Forchheim)
- Heidi Schiller (KV München)
- Georg Schütz (KV Forchheim)
- Sanne Kurz (KV München)
- Tim-Luca Rosenheimer (KV Bamberg-Land)
- Tanja Potzler (KV Bayreuth-Land)
- Andreas Auer (KV Passau-Stadt)
- Oliver Strisch (KV Eichstätt)
- Sophie Schuhmacher (KV Fürstenfeldbruck)
- Agnesa Pfeuffer (KV Starnberg)
- Verena Machnik (KV Starnberg)
- Matthias Lorentzen (KV Augsburg-Stadt)
- Martina Thalmayr (KV Rosenheim)
- Karin Scherer (KV Erlangen-Land)
- Sonja Probst (KV Schwandorf)
- Anja Odendahl (KV Unterallgäu)
- Alexandra Boneff (KV Ostallgäu)
- Martha Glück (KV Regensburg-Land)
- Andreas Hofmann (KV Roth)
- Anneliese Droste (KV Neustadt-Waldnaab)
- Christina Lenzen (KV Bamberg-Stadt)
- Karina Hagemann (KV Miesbach)
- David Rygiel (KV München)
- Detlef Dobersalske (KV Rosenheim)
- Ingrid Karg (KV Roth)
- Lendita Musliji (KV München)
Kommentare
Ingrid Karg:
Genau so ist es wichtig den Schüler*innen Raum und Zeit im Schulalltag einzuräumen für einen Tag zum Thema Klima oder Demokratie.
Ich, als Deligierte unterstütze diesen Antrag im vollen Umfang, da ich selbst im pädagogischen Schulalltag arbeite und versuche all diese Dinge umzusetzen. In einer privaten Schule ist es einfacher es umzusetzen, aber es hängt an den Pädagogen*innen, Umsetzung ist für alle Schulen wichtig.
Deshalb ist es auch wichtig einen großen Schwerpunkt zu setzen im Studium der Lehrpädagogen*innen.
Karin Hertzer:
Wolfgang Hofmann:
Maximilian Frenken:
Susanne Bauer:
Danke für Eure Arbeit!